Ins Watt, solange das Wasser weg ist.
Zweimal am Tag zieht sich die Nordsee vor Sielhoog zurück, und für ein paar Stunden liegt der Meeresboden frei. Wer dann hinausgeht, läuft durch einen Nationalpark – und merkt nach hundert Metern, wie viel dort lebt, wo eben noch Wasser stand.
Erst der Gezeitenkalender, dann die Schuhe
Ins Watt geht man bei ablaufendem Wasser, nie bei auflaufendem. Die Zeiten verschieben sich von Tag zu Tag um knapp eine Stunde; sie stehen im Gezeitenkalender, und einen aktuellen legen wir in jedes Haus. Bis zur ersten Priel-Kante vor dem Deich kann man allein gehen, wenn man die Uhr im Blick behält und rechtzeitig umkehrt.
Weiter hinaus, und vor allem über einen Priel, geht es nur mit einem zertifizierten Nationalpark-Wattführer. Das hat einen einfachen Grund: Die Flut kommt nicht als Welle zurück, sie füllt zuerst die Priele. Wer auf der falschen Seite steht, wenn das Wasser steigt, ist schneller abgeschnitten, als er denkt. Bei Nebel bleibt man ganz am Deich.
Was unter den Füßen lebt
Das Wattenmeer ist Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe, und auf den ersten Blick sieht es leer aus. Dann fallen die kleinen geringelten Sandhäufchen auf. Hier hat ein Wattwurm gefressen und den Sand wieder ausgeschieden; ein Stück daneben liegt meist eine flache Mulde, der Eingang zu seiner Röhre.
Herzmuscheln stecken knapp unter der Oberfläche, Strandkrabben warten in den Pfützen und laufen seitwärts davon, sobald ein Schatten auf sie fällt. Eine gute Führung gräbt einen Wurm aus, zeigt ihn herum und setzt ihn wieder zurück. So bleibt es auch ohne Führung: anschauen ja, mitnehmen nein.
Barfuß oder mit Schuhen
Im Sommer geht man barfuß, und der Schlick zwischen den Zehen gehört dazu. Wo Muschelschalen liegen, sind alte Turnschuhe besser, die man fest zubindet, damit der Schlick sie nicht behält. Im Frühjahr und im Herbst ist das Wasser in den Pfützen kalt; dann lohnen sich Gummistiefel für die ersten Meter.
Rippelmarken im Sand zeigen, wo das Wasser zuletzt gezogen hat, und sie fühlen sich unter den Füßen an wie ein Waschbrett. Wer stehen bleibt und lauscht, hört das Watt knistern: Luft entweicht aus dem Boden, Tiere ziehen sich zurück. Das Geräusch vergisst man nicht.
Zurück, bevor das Wasser kommt
Geführte Wattwanderungen gibt es in der Saison an vielen Orten dieser Küste, meist mit Treffpunkt am Deich. Die Termine hängen an den Gezeiten und werden kurzfristig bekannt gegeben. Fragen Sie uns bei der Schlüsselübergabe; wir wissen meistens, wann in der Woche jemand hinausgeht.
Und danach: Füße abspülen, Tee aufsetzen, ans Fenster. Wer von Prielkante oder Möwensand aus losgeht, sieht vom Haus aus zu, wie das Wasser die eigenen Spuren wieder einholt.
